Das Sichtbarmachen des Unsichtbaren

Rezension zur Ausstellung „Vermessung der Welt – Heterotopien und Wissensräume in der Kunst“

Das Sichtbarmachen des Unsichtbaren

Wer in der Kunst den Blick auf die Ordnung der Dinge richtet, die gewordene und gemachte
Struktur dahinter sichtbar machen will, vollzieht Grundlagenforschung. Die den
Ordnungsprozessen zu Grunde liegenden Mechanismen zu zeigen ermöglicht Strukturen und
Entkomplexifizierungsmechanismen freizulegen. Dieser Blick löst dann ein direktes Betroffensein
aus und legt so die subjektive, private Ordnung frei. Das ‚Was’ tritt zugunsten des ‚Wie’ beinahe
selbstverständlich in den Hintergrund.
Manfred Willmanns Fotografie vermittelt bereits ein erstes ‚Gefühl’ für das Netz, das Wissenschaft
über den Dingen ausbreitet. Den Händen des Porträtierten, der die Welt trägt, ist Geschichte
eingeschrieben. Was bedeutet es, als ‚geordnetes’ Subjekt Ordnung zu kreieren? Eine Metapher
einer groben Ontologie, die die Objekte der Außenwelt festmacht, und so den Schritt vom Mythos
zum Logos vollzieht.
Hanne Darboven setzt sich in ihren Zeichnungen (sunrise/sunset) mit dem System Zeit auf
ästhetische sowie sprachphilosophische Art und Weise auseinander. Sie entwickelt eine
Privatsprache, die ein diffiziles Muster kreiert und den ästhetisch dargestellten Zeiträumen einen
Rhythmus auferlegt. Sie befragt so gleichermaßen das wissenschaftliche Arbeiten als aufzeichnen,
beschreiben und strukturieren, sowie den Anspruch der Allgemeingültigkeit derartiger Vorgänge zur
Verwaltung der Welt.
Dies wird auch in den Arbeiten von Ulrike Königshofer thematisiert, wenn scheinbar Unabhängiges
in ein Koordinatensystem gezwungen wird. Bedrohte Vogelarten abhängig vom Käseverbrauch
sowie die Sprachlandschaft Gottes werden, wie auch die Geschwindigkeit eines Zählvorganges,
auf x, y und z-Achse übertragen. Die Autorität wissenschaftlicher Messvorgänge und
Ordnungssysteme wird kritisiert, sowie deren kulturelle Abhängigkeit sichtbar gemacht.
Michelangelo Pistolettos Skulptur Metrocubo d’Infinito hinterfragt das Maß als Definition und
verweist dadurch, dass dem Betrachter der Blick in das Innere der Spiegelskulptur verunmöglicht
wird – und somit der Blick in die Unendlichkeit – auf den ‚blinden Fleck’, die Abhängigkeit zwischen
Messvorgang und Ergebnis, sowie auf das möglich Sichtbare in Abhängigkeit vom Beobachter.
Dieses Werk will zu philosophischen Gedankenexperimenten verführen.
Zur Reflexion über die Frage, was sich denn überhaupt darstellen lässt, fordert die Installation von
Clegg & Guttmann heraus. Was ist eine vollständige Beschreibung eines Objekts, wie kann diese
entstehen? Die Beschreibung, die stets ein Subjekt benötigt, wird als unabschließbare und
unendlich fortzusetzende offensichtlich.
Der Mentalstammbaum von Stephan Huber stellt dieses Subjekt und sein Geworden-Sein in einer
Karte dar, die, sowohl biografisch als auch historiographisch, Aufschluss über den Zustand und die
mentalen Prozesse des kartographierten Subjekts, in diesem Fall Huber selbst, gibt.
Eine ‚Symphonie der Abwehr’ (zweintopf) begleitet den Rezipienten aus der Ausstellung und gibt
eine Denkaufgabe mit: Was bedeutet es, bestimmte Gruppen zu definieren und sie als ‚Schädlinge’
innerhalb eines bestehenden Systems zu bestimmen?
Experiment, Dekonstruktion und Persiflage machen hier den ‚Drang zu Ordnen’ als kulturellen
Mechanismus, sowie die Arbitrarität von Ordnungssystemen sichtbar. Die Ausstellung vermittelt
begreifbar abstrakte Konzeptkunst und lässt dabei ebenso Raum für eigene Überlegungen.

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