„Bleibe reicht für Alle“

 

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… ja es war sehr eng. zumindest zuerst. zuerst war es eng, es war heiß und auch da war weit und breit nichts zu sehen, außer all dem, was wir bereits gesehen hatten. unmittelbar. denn das alles kommt mit. das kommt ja alles mit. und jetzt haben wir platz. jetzt treiben wir nebeneinander her, reglos, kalt, bis wir uns absetzen, und zersetzen. das kann dauern. was es uns aber vorher zu eng war, ist es uns jetzt zu weit. der mensch verträgt doch weder das eine noch das andere, als solcher. allein. und wir haben es auch nicht mehr ertragen und man erträgt uns nicht mehr und niemand will uns tragen – es geht nicht anders – das müssen wir ertragen.

Eine von Mehreren. Sie spricht wie in einer Psychose mit jemandem, der nicht da ist. Sie spricht für alle. Ihr Gegenüber scheint doch nicht ganz irreal zu sein, eine ontologische Existenz jedenfalls weder nachweisbar, noch notwendig. Sie führt ein monolineares Gespräch. Man wohnt als Zuhörer einem imaginären Telefongespräch bei. Dazwischen immer ein leichtes Rauschen, wie bei einem nicht exakt eingestellten Radiogerät. Pausen dazwischen…

Ja?

Ja,ja. Wir sind das!

Nein … , wir sind es immer schon gewesen, eigentlich. Wir sind ja alle irgendwie ähnlich. Es gibt Situationen, da sind alle gleich oder werden gleich gemacht – einfach und einzig durch die Situation in der sie sind.

Ja, sie, sie waren schon einmal anders. Wir haben es nur gehört und wissen es daher nicht genau. Aber sie waren schon einmal anders. Angeblich war überhaupt schon einmal alles ganz anders hier.

Nein, warum? Was meinen Sie? Wollen Sie es wirklich wissen?

Wir sind gekommen und haben nichts gesehen, haben nicht viel gesehen außer das, was man uns gezeigt hat … und so sind wir hier nie angekommen. Und auch anderswo nicht. Nirgends. Uns wurde kein Ort zum Ankommen gezeigt. Es war so.

Was man uns gezeigt hat?

Man hat uns die Innenwelt einer Außenwelt gezeigt. Dieser bestimmten Außenwelt die wir so noch nie gesehen haben, also so unmittelbar. Wir haben sie immer nur über Medien vermittelt gesehen, so wurde sie uns transportiert. Aber genau das, was man uns jetzt zeigt, hat man uns vorher nicht gezeigt. Hier hat man uns nur noch die Pseudosolarisation, die Farbumkehr, das Farblose, das Schwarz-Weiße, das was übrigbleibt, wenn man die bunte Oberfläche wegradiert, gezeigt. Etwas, dass sich im Inneren, im Innersten einer Außenwelt eigentlich erst richtig zeigt, das und nur das hat man uns gezeigt. Mit dem was wir davon kannten, so vermittelt eben, wurde uns unvermittelt klar, hat diese – und das wurde uns dadurch was uns jetzt da gezeigt wurde klar, was wir jetzt sehen durften und immer noch dürfen und gesehen haben – ja mit dem hat diese uns davor vermittelte Außenwelt wohl gar nicht viel zu tun. Vermuten wir jedenfalls.

Ja, diese Innenwelt … sie war ziemlich straff, ziemlich kahl und kalt, ziemlich geregelt – und auch ein wenig unfreundlich, manchmal auch mehr und ziemlich unberechenbar, ungewiss. Sie waren kühn, meistens. Wir wussten nie, was als nächstes kommt und auch nicht warum.

Wie, was meinen Sie? Ja generell, also allgemein. Eigentlich auch untereinander, also miteinander und übereinander. Sie waren auch untereinander nicht immer alle gleich, miteinander nicht und uns gegenüber ohnehin nicht. Ja, sehr unterschiedlich, auch zu uns. Eben so, dass wir nie wissen konnten.

Nein, das wissen wir nicht. Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht warum.

Ich weiß nicht, wieso man uns die Außenwelt nicht gezeigt hat. Vielleicht aus Angst? Oder einfach, weil es nicht sein darf? Vielleicht weil sie befürchten, dass sie uns liegen könnte, diese Außenwelt? Ich weiß es wirklich nicht. Niemand von uns weiß es. Wir können nur darüber nachdenken und uns Möglichkeiten ausdenken.

Nein, nein. Das ist aber auch klar, denken wir. Das hat uns natürlich niemand gesagt. Und: wenn man einmal die Innenwelt gesehen hat, ist man ja nicht mehr tauglich für die Oberfläche der Außenwelt, sozusagen. Man könnte ja dann vielleicht diese Innenwelt an die Außenwelt verraten und dann wüssten diejenigen an der Oberfläche Bescheid über die Innenwelt, die nur uns vorbehalten bleibt – und, ich glaube auch denen, also jenen unter ihnen, die an dieser Oberfläche der Außenwelt kratzen, also manche von ihnen erahnen vielleicht diese Welt hier drinnen. Aber diejenigen von ihnen, die diese Welt auch noch kennen könnten, auch mit denen lässt man uns nicht zusammen. Ich denke, wenn sich da was vermischt, das könnte, ja das könnte bei den noch Lebenden unter denen an der Oberfläche in der Außenwelt und bei denen die wie immer zu früh sterben, zum Aufstand führen, eventuell. Es kommt darauf an. Ja. Darauf kommt es an.

Ja. ja, bleiben wollen wir trotzdem.

Nein, es hat uns niemand danach gefragt, noch nicht. Vielleicht kommt das noch. Aber sie wollen uns eigentlich weiterreichen oder besser noch zurückgeben, oder? Obwohl ja, wir hätten sie ja schon noch gerne gesehen, diese Welt, die man uns vermittelt und versprochen hat, diese Welt, die wie uns mittlerweile erscheint, nur Erscheinung sein kann. Aber das ist alles nur Spekulation. Sie existiert vielleicht gar nicht, zumindest nicht in „echt“. Also real meine ich. Aber sie gehört ihnen, diese surreale Realität, falls es sie gibt. Sie wollen sie besitzen und an sich reißen, und nicht teilen. Allen anderen, die sich nicht eignen, denen zeigen sie nur die Vermittlung, es sind lauter Mitteilungen, die die Empfänger zu entschlüsseln haben, aber verfasst in einer Sprache, die unterschiedliche Entschlüsselungen zulässt. Nicht unbedingt einfach, das Ganze. Orientierung gibt es da keine. Jedenfalls wollen sie diese wie auch jene Welt nicht teilen, halt mit uns nicht . Und alle anderen Welten müssen so ja fremd bleiben, sie interessieren sich, weder mittelbar noch unmittelbar für eine Vermittlung zwischen ihrer und anderen Welten – ist aber auch logisch. Aber trotzdem. Wir können jetzt nicht einfach so … einfach so wieder weg und uns wieder abgeben an diese andere Welt.

Ja sicher hoffen wir noch. Menschen wie wir haben Hoffnung, immer noch, wir werden sie wohl auch nicht aufgeben können, diese Hoffnung.

Wieso lachen sie jetzt? Jetzt lachen sie doch nicht so. Das ist gemein. Wirklich gemein ist das. Wieso lachen sie? Finden sie das etwa lustig? Jetzt hören sie doch auf zu lachen, ich verstehe ja kein Wort, von dem, was sie sagen!

Verstehe ich sie richtig? Ja, was glauben sie denn warum wir immer noch hoffen, was wir uns erhoffen? Ja manchmal geschieht doch noch was da draußen, von denen die das hier kennen oder sich zumindest vorstellen können … aber wir können es ja nicht sehen, wir sind hier Blinde – weil man uns ja nichts sehen lässt, man macht uns dazu.

Nein, zynisch wollen wir eigentlich nicht sein. Ja obwohl manchmal, manchmal, da können wir nicht mehr anders.

Weil sie müssen wissen, dass wir es wirklich versucht haben und immer noch versuchen. Das Problem ist nur, man sieht nicht uns. Sie wollen gar nicht genau hinsehen. Sie denken vielleicht es könnte dann ja jeder kommen und gehen und bleiben oder auch sich wieder verabschieden – wie es ihm passt. Obwohl das ja eigentlich nicht logisch ist, also der Logik nach wirklich nicht – Angst hat aber keine Logik, ich weiß das. Wir wissen das. Ja und diese Freiheit – habe ich gehört – hat man nicht, wenn man bleiben will. Wenn man fragt ob man bleiben darf, dann halten sie einen fest. Sie halten einen so lange fest bis sie entschieden haben, ob man angenommen wird, ob man ausgehalten und ertragen werden kann – oder eben nicht.

Wie bitte? Ja, es dauert. Es dauert dann so lange wie es eben dauert, das sagen sie einem. Es können auch zwanzig Jahre werden, wir haben das nur gehört. Diese Anfragen dauern und auch die Antworten. Man muss lange warten, auf Antworten. Viele speziell ausgebildete Menschen müssen sich daran wohl genauestens abarbeiten – dazwischen, sagen sie einem nichts, man will ja nicht voreilig sein. Sie behandeln jeden einzelnen Fall, ganz konkret und ganz besonders. Obwohl dann doch oft alles wieder zusammengeworfen wird. Wenn da begonnen wird zu unterscheiden, was nebenbei echt schwer ist, es kommt deshalb auch – meines Wissens nach – in den seltensten Fälllen vor, dauert alles noch länger. Das glauben sie vielleicht. Den Unterschied zu machen, der den Unterschied macht, das dauert. Vor allem wenn nicht klar ist, wie? Und vor allem wenn die Unterschiede nicht klar sind, wenn Unterschiede erst definiert werden müssen – auch das ist harte Arbeit, dafür eine Regel zu finden. Obwohl ich glaube ja doch daran. Ich glaube, dass sie eigentlich schon wissen sollten was sie da tun. Ja, so wird es sein.

Vielleicht, ja. Nein, ich will sie nicht in Schutz nehmen – auf keinen Fall! Ich kenne sie ja eigentlich gar nicht. Ich nehme sie doch nicht in Schutz! Wir fühlen uns jedenfalls schutzlos und brauchen Schutz und sie sind ja – wie sagt man das am besten – so, so aufgeklärt? Oder? Kann man das so sagen? Ich kenne die Geschichte ja nur peripher, aber nachdem was man uns vermittelt über die Medien davor gezeigt hat, scheint es so zu sein, oder? Sie kommen ja von dort und sind ja einer von denen oder? …Wissen sie das nicht? Wissen nicht einmal Sie … ?

Ja, ich denke das eben, ich…ich hab davon gehört. Sie sind sehr fortschrittlich und prüfen eben ob man passt. Wie auch immer. Da muss man schon was vorweisen können und ihnen etwas nachweisen, aus unseren Vorwelten ihnen etwas nachzuweisen ist nahezu unmöglich. Man muss vorweisen können – also für die Zukunft. Man muss etwas Vorzuweisendes an sich haben, oder etwas an-sich Vorzuweisendes. Ein universales Vorweisbares, etwas dass überall, egal woher, egal wie, nachweisbar ist.

Nein, die Kriterien kenne ich nicht, die kennen wir nicht. Das macht auch das ganz nach- und vorweisen so dermaßen schwierig. Aber vielleicht gehört das ja dazu, dass man nicht so den Eindruck bekommt, es wäre einfach. Es ist vielleicht Teil dieses Plans, den niemand aufgestellt hat, den keiner durchschaut, der einfach so geworden ist, so gewachsen obwohl er alles andere als organisch ist. Es ist Teil dieses intransparenten Netzwerkes an Variablen in dessen Knoten und engmaschigen Verknotungen eben immer dieselben hängenbleiben. Und dann hängt man manchmal schon länger drinnen als es für einen gut ist, in diesem engmaschigen Netz. Wenn man da wieder raus kommt, hat man Glück – aber auch das dauert. Und wenn man im Netz hängt zählt doch manchmal jede Sekunde. Da stehen wir uns alle gegenseitig im Weg, dass da etwas schnell gehen könnte.

Trotz allem denke ich, denken wir, das sie ja vielleicht selbst nicht genau wissen, nach welchen Regeln sie vorgehen und entscheiden. Vielleicht fragen sie da auch zuwenig nach? Die Einzelnen?Ich weiß es nicht.

Alles – wie gesagt – Spekulation. Unser einziges Mittel ist die Sprache. Und damit können wir uns schon längst nicht mehr verständigen.

Wir werden jedenfalls warten, wenn man uns lässt. Ich denke, dass es egal ist wie lange – für uns zumindest. Alles ist besser als diese Ansammlung von Nachbildern aus unseren Vorwelten.

Fragen sie mich doch sowas bitte nicht, ich weiß nicht, ob ich das gerecht finden kann. Hm. Ich kenne mich ja nicht so aus, mit Gerechtigkeit und so, also wir kennen uns da wenig aus. Aber sie angeblich schon, oder? Meinen Sie nicht? Haben Sie etwas anderes gehört? Dann bitte, sagen Sie es mir. Können Sie es mir sagen, können Sie es uns sagen? Damit wir uns identifizieren können, mit dem, was da passiert, damit wir uns anpassen können? Damit wir die Hintergründe kennen, damit wir verstehen…

Vielleicht zeigt man uns die Außenwelt auch aus Mangel an Identifikationsmöglichkeiten – unsererseits oder ihrerseits – nicht?

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Das Internalisieren von schon lange Externalisiertem fällt schwer. Das Internalisieren von Mechanismen, die nicht die deinen sind, auch nicht die unseren sind, sondern die von denen. Und auch denen, gehören sie ja nicht. Sie sind nicht deren Urheber. Auch sie haben diese nur wieder von irgendwoher, nach irgendwohin adaptiert und irgendwie zusammengesetzt. Und dabei kennen sie sie und auch sich selber nicht, können sich vielleicht selbst nicht identifizieren, sind selbst nur zusammengebastelt.

Wir möchten nur endlich ankommen. Zur Ruhe kommen. Das haben wir jetzt erreicht, oder?

Wir werden jetzt anfangen uns zu zersetzen, wir werden übergehen und uns vereinen mit dem, was uns jetzt umgibt. Mit den Korallen, den Walen und den Delphinen …

Vielleicht sind wir dort ja besser aufgehoben. Die akzeptieren jedes Idiom.

autorin: tanja peball