…eine post-postmoderne Fabel

Das widerstehende, künstlerisch-politisch-aktivistische Subjekt – eine post-postmoderne Fabel

Anstatt im Stile einer wissenschaftlichen, und somit zum Besonderen und zum Subjekt auf Distanz gehenden Analyse zu verharren, möchte ich den Möglichkeitssinn, den Idealismus ins Zentrum meiner Erzählung oder auch Fabel stellen. Dies geschieht aus der Ansicht heraus, dass bereits alleine das Aufzeigen und allgemeine Aktivieren der Denkmöglichkeit dass die momentanen Zustände auch andere Zustände sein könnten, mit dem Begriff der „cultural resistance“ bezeichnet werden kann.
Den Wirklichkeitssinn hinter sich zu lassen um stattdessen ausgehend vom Möglichen zu antizipieren bedeutet auch, sich über die Strukturen hinauszulehnen die gegenwärtig Kultur und Gesellschaft konstituieren, sie in gewisser Weise abzulehnen, sich aber auch an sie anzulehnen um von da aus neue Orte des Widerstehens und des künstlerisch-politisch-aktivistischen Intervenierens freizulegen – und das in einem essayistischen Rahmen, frei von Objektivitäts- und Beweisbarkeitszwang der modernen, von Rationalismus geprägten technokratischen Wissenschaften. Denn wozu benötigt eine Gesellschaft selbst auferlegte Zwänge, die sie gleichzeitig davon abhalten, Dinge zu verändern, Bedeutungen umzudeuten, in Strukturen einzugreifen und traditionalistisch-essentialistisches Denken zu sezieren und zu entlarven? Es ist ein sich-üben am Möglichkeitsdenken, in der Manier eines spielerischen Umgangs mit wirklichen und möglichen Elementen – was wirklich und möglich ist, obliegt dabei der Entscheidung des lesenden Individuums…

Es ereignete sich kürzlich, dass es in einer renommierten Bildungsinstitution in einer der großen mächtigen und einflussreichen Städte zu einer Podiumsdiskussion über den Kunstmarkt kam. Viele Interessierte, aus allen Richtungen und Vertreter unterschiedlichster Meinungen und Ansichten über die Künste, Kunstwerke und den/die Künstlerinnen strömten an die Institution, um zu hören, was das repräsentativ ausgestattete Podium hinsichtlich des Kunstmarktes zu sagen hatte. Bereits als die RepräsentantInnen die Anfangsstatements performt hatten, trafen sich Blicke im Publikum; sehr verhalten, sehr selten und sehr verzagt, hörte man ab und zu ein Hüsteln oder Räuspern. Das Podium vertrat relativ allgemeine, und für ein aufgewecktes und an Veränderung interessiertes Individuum, uninteressante und auf Konsens beruhende Standardanschauungen, die der zu jener Zeit dominanten kulturellen Logik entsprachen. Die vereinzelt sich zunehmend unbehaglich fühlenden Individuen des Publikum erkannten darin die heilsbringenden Erzählungen, die sie doch aus anderen Diskussionen um andere Materialien bzw. Immaterialien kannten. Und zwar aus Diskussionen um den Wert von Sinn-, Bedeutung- und Sein-verleihenden Produkten des weltumfassenden Systems, das wie man hörte alles gleich und gleichzeitig zu Geld machte und das es darüber hinaus schaffte, den Menschen die dieses System trugen gebetsmühlenartig einzureden, wie wichtig Individualität, Erfolg, Präsenz, Status, Sein und Haben waren; und zwar nicht nur um am Erfolg des Systems zu partizipieren und ihn kontinuierlich herzustellen, koste es was es wolle (Geld, Zeit oder Leben – natürlich nicht das eigene, immer das der Anderen), sondern auch um ein gutes Leben zu führen.
Ein Diskurs darüber, was denn ein gutes Leben eigentlich ausmachen sollte, wurde von den den öffentlichen Diskurs regelnden Institutionen, nur noch selten hergestellt oder initiiert. Grundlegende Fragen, die nicht zuvorderst ein Produkt, etwas Materielles, Verwertbares hervorbrachten und damit nicht funktional und effizient waren, waren in diesen Zeiten weder beliebt noch erwünscht, ja nicht einmal gefordert, und daher auch nicht gefördert.
Um es zu schaffen, dass sich wirklich alle gern dem Kapital verschreiben und sich freiwillig in das bestehende Machtgefüge einordnen und dabei noch das Gefühl haben, es wäre ihre eigene, autonome Entscheidung, ja dafür müssen lediglich die für die Aufrechterhaltung des Systems notwendigen Mittel erzeugt werden – und zwar in Form von Bedürfnissen in den Menschen.
Erst wenn dieser „Selbstbetrug“ durchschaut ist und der Einzelne bemerkt in welcher Form strukturell und normativ, also handelnd/performativ, auf die individuellen Handlungsspielräume Einzelner und somit in deren autonomes Handeln eingegriffen wird – entlarvt sich die Tatsache, dass diese Versprechen und Erfüllungen welche die jedem innewohnenden allzumenschlichen Begehrensstrukturen ansprechen, weder einzulösen sind, noch jemals erfüllt werden können, da in einem zweiten Schritt der Dekonstruktion des Selbstbetruges jede/r Einzelne sieht, dass diese Bedürfnisse eigentlich gar nicht vorhanden sind und ihre Einlösung daher auch in der Zukunft (aber nicht wie dies die Religion verkündet erst im Jenseits, nein, sondern noch im Diesseits) oder wann auch immer nicht gewährleistet sein würde.
All diese Gedanken durchströmten in diesem Moment vereinzelte Individuen des Publikums. Manche fragten sich: aber hatte Kunst nicht irgendwann einmal einen humanistischen Auftrag, eine Neigung dazu und ein Verstehen dafür, dass sie sich in und aus der Gesellschaft entwickelt, und niemals losgelöst von deren kulturellen Sinnbezügen existieren kann? Waren da nicht immer schon Tendenzen in diese Richtung vorhanden? Wie war das nochmal mit Schiller? Wollte dieser nicht mit Mitteln des Theaters die Menschen „aufklären“ und über die Verhältnisse der geheimen Mächte (im Foucaultschen Sinne) die Machtstrategien und -beziehungen klären? Und was war mit Brecht? Was ist mit diesen ganzen KünstlerInnen die in der Ablehnung der traditionellen Form auf ihre Weise kulturelle, also politische, soziale, gesellschaftliche Kritik äußern, äußerten und praktizieren, weil sie fanden, dass die traditionelle Form immer etwas von einer herrschenden Form hat und das repetitive reproduzieren traditioneller Formen keinen Raum lässt für ein Möglichkeitsdenken für Idealismus und Utopie?
In diesem Moment wurden die Gedanken der vielen Einzelnen jäh unterbrochen …“es gibt doch prinzipiell keinen Unterschied mehr, zwischen dem Jeans- und dem Kunstmarkt. Jeans kaufe ich ein Leben lang, manchmal mit mehr Reißverschlüssen und Nieten, manchmal mit weniger. Kaufen tue ich sie trotzdem ein Leben lang – genau so ist es mit der Kunst“. In diesem Moment hörte man vereinzelt ein leichtes, von idealistischen Tendenzen gefördertes Stöhnen aus dem Publikum; ausgelöst durch die Selbstverständlichkeit mit der in dieser doch kunstaffinen Institution in kapitalistischen Kategorien über Kunst gesprochen wurde und die im Zuge dessen zu einer banalen Ware – in diesem Falle Jeans – in Relation gesetzt wurde. Nur dass dabei nicht mit erzählt wurde, dass der Kunstmarkt vielleicht noch härter agiert und noch strenger selektiert als der Finanzmarkt und dieser dadurch ganz leicht prekäre Zustände und Verhältnisse bei KünstlerInnen herstellen kann – die wiederum das Damoklesschwert, das über jeder/m hängt, der sich aus Idealismus dem Kunst-Machen, dem Kunst-Kommentieren, dem Nachdenken über Kunst und Erkenntnis oder der Kunstvermittlung in irgendeiner Weise nahe fühlt bzw. sein Leben damit/dadurch gestaltet und es davon gestalten lässt, schärft. Es war allen plötzlich klar: über die Herstellung von prekären Verhältnissen für Kunst und Kunstumfeld, über das Herstellen und Festschreiben der Bedürfnisse  potentieller Käufer/Sammler/Galeristen und über die damit in Zusammenhang stehende Erstarkung des Künstlers als „Auftragskiller“ der Kunst, als ausführender Produzent, können auch die davon noch entferntesten, kritischsten Subjekte am Ende in die Knie gezwungen werden; natürlich nicht bevor das System nicht alles an „anderen“ Ideen, „anderen“ Handlungsmöglichkeiten und Ansätzen die Welt zu verändern, aus dem Körper und dem Gehirn des Idealisten gesaugt hatte um diese für sich und die eigene Logik nutzbar zu machen. Es ist wie in einer anderen Erzählung, als ob die Zeit der Menschen in der Pfeife verraucht würde nur noch etwas mehr: nicht mehr nur die Zeit, sondern es wurde die widerständige Energie selbst angegriffen und durch die herrschende Maschinerie geleitet damit sie am Ende als etwas totes, entmenschlichtes, dafür aber fertiges, verwertbares, verkaufbares, ausstellbares, dokumentierbares Etwas zirkulieren kann.
Das alles und noch einiges mehr zwischen, über und unter den Zeilen und Gedankenversatzstücken und Denkfragmenten zirkulierte intensiv in den Anwesenden – und auch in den Köpfen die ferngeblieben waren, weil sie vielleicht bereits ahnten und nur darauf warteten bis sie mehr wurden – bis ihnen eine Ahnung davon kam, welche Möglichkeiten sie hätten die Ideale von Generationen und ihre eigenen nicht zu veräußern: Sie mussten widerstehen. Sie müssten lernen, dem Ruhm zu widerstehen, dem Neid zu widerstehen und den Verführungen der dominanten kulturellen Logik – sie müssten dem einfachen, leichteren Leben widerstehen und die Macht über ihre Mittel wieder zurückholen, über ihre Ideen, Materialien, über ihre Ausbildungsstätten über ihre Entwicklung und Auseinandersetzung mit sich und der Welt. Doch wie sollten sie dies anstellen? Und so ergab es sich am Ende, dass sie sich loslösten von den Wünschen der Anderen und den eigenen, die ohnehin nicht ihre eigenen waren. Sie begannen sich mit ihren eigenen Situationen, ihrer eigenen Bedingtheit, ihrer Herkunft, ihrer Prägung und Sozialisierung auseinanderzusetzen. Sie begannen ihren Idealismus zu leben … und als die anderen sahen, wie glücklich und befreit diese waren je weniger sie hatten und haben wollten und je mehr sie taten, forschten und sich interessierten und beschäftigen konnten für und womit sie wollten, desto kleiner wurde die Macht der dominanten kulturellen Logik; immer weniger Subjekte waren interessiert an dieser seltsamen, kontinuierlich und zwanghaft neue Bedürfnisse erzeugenden und ständig von dem Versuch geprägten Logik einen Bereich nach dem anderen, eine vermeintliche Marktlücke nach der anderen gewinnbringend (in Sinne von Zeit und/oder Geld) zu integrieren. Jede/r begriff, dass Dasein und Sein kein egoistisches Ellbogenstrategienspiel sein konnte, schon gar nicht wenn eine Spezies danach strebt sich als Spezies nicht bloß zu erhalten, sondern sich dabei kontinuierlich verändern will.
Die Anderen die bereits dort waren, hatten schon alles vorbereitet. Sie freuten sich, als sie immer mehr wurden. Sie hatten das Spiel der Lenkung des Subjekts verstanden, die Strategien und Praktiken der Institutionen zerlegt, analysiert und dekonstruiert und sie begriffen zunehmend die Regeln dieses Spiels: das Kategorisieren, das Verallgemeinern, das Einordnen und Benennen, das Binden an eine von außen auferlegte oder künstlich erzeugte Entität sowie das Auferlegen einer Wahrheit, deren hehres Ziel nicht mehr die Erkenntnis oder das Suchen nach dieser beinhaltete, sondern eine Wahrheit die sich an Funktionalität und Effizienz – im wahrsten Sinne des Wortes – verkauft hatte.
Sie wussten dass der Grat den sie begehen ein äußerst schmaler war. Sie wussten noch nicht genau darüber Bescheid wie sie es machen wollten, doch sie wussten, dass sie es machen mussten, um nicht – wie zu viele Generationen vor ihnen – Futter für eine gierige und die Verhältnisse alles andere als gerecht gestaltende Maschinerie zu sein.
Sie hatten bereits erste Pläne. Sie wollten keinen leicht verdaulichen, leicht bestimmbaren Sinn mehr erzeugen, sie wollten kontinuierlich daran arbeiten, dass nichts entstehe was nur im entferntesten der traditionellen Einstellung Vorschub leisten konnte. Die Erzählung des post-fabelhaften, also die Untersuchung und Recherche ob dies funktionierte, ob es vielleicht zu radikal, zu leichtgläubig zu naiv oder zu „idealistisch“ war, kann der/die offene LeserIn anhand seines/ihres eigenen Möglichkeitsdenkens herausfinden und vielleicht finden sich ja mancherorts und immer öfters Lücken in der Wirklichkeit, durch die das Möglichkeitsdenken wieder eingespeist werden kann.